Rezension "Verschwiegene und abgelehnte Formen der Sexualität"

Gespeichert von admin am/um 9 Oktober 2011 - 9:27PM
Deutsch

Rezension: Hans van der Geest, "Verschwiegene und abgelehnte Formen der Sexualität - eine christliche Sicht."

Der Dr. Theol., erfahrene Seelsorger und mehrfache Autor theologischer Sachbücher erörtert in seinem Buch Gebiete der Sexualität, die nicht nur in christlichen Kreisen verschwiegen und abgelehnt werden und spricht ausser Homosexualität und Sadomasochismus auch weniger als exotisch empfundene, aber unter Christen genauso tabuisierte Themen wie Selbstbefriedigung, Prostataprobleme oder Wechseljahre an. Aber auch heiklere Felder wie Pädophilie oder Sexanrufe haben ihren Platz in seinem Buch. Anhand von Fallbeispielen aus der Seelsorgepraxis stellt van der Geest die Lebenslagen der betreffenden Menschen dar und bleibt dabei stets offen und undogmatisch; seine Grundhaltung ist von Akzeptanz geprägt. Dabei verneint er (nicht einvernehmliche) Gewalt und die Unterdrückung eigener Gefühle und Empfindungen. Und dies markiert dann auch die Grenze, deren überschreitung dem Menschen schadet. Denn Ziel ist ein Leben, das dem Menschen gerecht wird; Lebenslust als von Gott geliebter Mensch.

Im zweiten Teil seines Buches begründet van der Geest diese Haltung mit dem Evangelium. Seine Abhandlung über Sexualität und Christentum gerät hier über weite Teile zu einem spannenden Streifzug durch die Geschichte des jüdisch-christlichen Glaubens. So wird z.B. dargelegt, dass Gebote, welche die Sexualität betreffen, den ursprünglichen Sinn hatten, das Volk Gottes gegenüber anderen Kulturen abzugrenzen, bei denen die Gotteserfahrung - also Gott selbst - in der Sexualität, und damit in der Natur zu finden war. Dagegen ist beim Gott der Bibel kennzeichnend, dass er der Schöpfer der Natur und nicht die Natur selber ist. Als Zeugnis des Kampfes der frühen Kirche gegen den Gnostizismus und die Leibfeindlichkeit, die dieser beinhaltete, stellt der Autor später das Apostolische Glaubensbekenntnis dar. Die inzwischen vorherrschende Lustfeindlichkeit der Kirche leugnet van der Geest dabei nicht, sondern erklärt sie aus der bürgerlichen Leistungsideologie heraus, womit das Buch geradezu sozialgesellschaftliche Dimensionen bekommt.

Wer der Ansicht ist, ein Theologe, der auf diese Art über Sexualität redet und vorherrschende Tabus bricht, würde die Bibel liberal verwässern, irrt. Hans van der Geest diskutiert nicht nur Ethiker wie Augustinus und Karl Barth kritisch und fundiert, sondern lässt auch in seinem Schreibstil seine tiefe Liebe zu Gott und sein Ringen um die Wahrheit spüren. Dass im Anhang nicht nur die Literaturangaben sondern auch ein ausführliches Verzeichnis von Bibelstellen zu finden ist, versteht sich von selbst.
Wer sich aufgrund seiner - wie auch immer gearteten - sexuellen Neigungen von der Kirche ausgeschlossen fühlt und die Auseinandersetzung mit christlicher Ethik scheut, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Nicht nur weil es Spass macht, sich auf dieser Basis wieder einer Auseinandersetzung mit der Bibel anzunähern; dieses Buch heilt Wunden! An keiner Stelle fühlt man sich oder seine Bedürfnisse abgelehnt oder undifferenziert dargestellt. Die Lektüre kann dazu führen, dass man einen anderen, völlig neuen Blick auf alte Wahrheiten bekommt, ohne dass man das Gefühl haben muss, man biege sich die Bibel zurecht, wie es einem gefällt.
Joe Wagner